Rainer Werner Fassbinder

In den 13 Jahren seines Schaffens, zwischen 1969 und 1982, drehte er über 40 Kino- und Fernsehfilme; eine rasende Produktivität, die allein ihn zum wichtigsten Regisseur jener Jahre machte. Doch auch thematisch war Rainer Werner Fassbinder (1945 - 1982), der die Drehbücher zu seinen Filmen selbst schrieb, der vielseitigste Autor des Jungen Deutschen Films. Fassbinder debütierte nach Kurzfilmen mit zwei Werken, die bereits seinen Stil und seine Vorlieben erkennen ließen: "Liebe ist kälter als der Tod" schildert, orientiert am Film noir und an Jean-Pierre Melvilles "Der eiskalte Engel", Münchner Kleingauner zwischen Tristesse, Entfremdung und verkümmerten Gefühlen, und "Katzelmacher" formuliert krass den Untergang eines griechischen Außenseiters unter Münchner Vorstädtern. In seinen Filmen, die später von den Arbeiten Douglas Sirks beeinflusst wurden, ging Fassbinder elegante, mitunter auch chaotische, aber immer produktive und formal durchkomponierte Verbindungen zwischen Volksstücken, Melodramen und Gangsterfilmen ein. Zu den berühmten Filmen seiner frühen Jahre gehören "Der Händler der vier Jahreszeiten" (Bundesfilmpreis 1971), der den unaufhaltsamen Abstieg und Tod eines Obsthändlers schildert, "Angst essen Seele auf" (1973), der die Liebe einer älteren Putzfrau zu einem algerischen Gastarbeiter erzählt, und die Theodor-Fontane-Verfilmung "Effi Briest" (1972-74). In allen Filmen Fassbinders geht es um Abhängigkeitsverhältnisse, die Arbeit an der Liebe und das Scheitern daran, die Kälte der Umwelt, die unbewohnbar wie der Mond ist, und Gruppenprozesse um Macht mit sadistischem Einschlag, die Fassbinder offen, brutal und mit analytischem Blick sezierte, wobei stets die Trauer am Fehlverhalten seiner Personen zu spüren ist. Mit den Jahren erreichte Fassbinders Arbeit eine formale Meisterschaft, die sich in ausgeklügelten Kamerabewegungen und Spiegel-Blicken, Zooms und Personenarrangements zeigte. Seine unterschätzte Vladimir-Nabokov-Verfilmung "Despair - Eine Reise ins Licht", eine Studie in Schizophrenie, leitete eine auch von Publikumserfolgen begleitete Phase ein, in der Fassbinder mit der "deutschen Trilogie" ("Die Ehe der Maria Braun", "Lola", "Die Sehnsucht der Veronika Voss") die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik aufarbeitete. Magnum Opus wurde seine für das Fernsehen gedrehte Alfred-Döblin-Verfilmung "Berlin Alexanderplatz", in der er ohne Rücksicht auf das TV-Format oder Serien-Konventionen in zwölf Teilen und einem avantgardistischen Epilog sein ganzes Können ausbreitete. Sein letztes Werk wurde die Jean-Genet-Verfilmung "Querelle", ein Melodram um einen homosexuellen Matrosen und Todesengel, der die Ästhetik der Schwulen-Filme wesentlich beeinflusste. Fassbinder starb 1982 mit 37 Jahren an einer Überdosis Drogen. Der bisexuelle Fassbinder war 1970-72 mit der Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven verheiratet, die wie Hanna Schygulla, Peer Raben, Kurt Raab und viele andere zu seinen ständigen Mitarbeitern in einem Filmkollektiv gehörte, das von persönlichen Krisen gebeutelt war und daraus Inspiration für die Arbeit bezog. 1983 spielte Eva Mattes (mit Bart) in dem Schlüsselfilm "Ein Mann wie E.V.A." einen Regisseur wie Fassbinder.