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Streuobstwirtschaft

Aufbruch zu einem neuen sozialökologischen Unternehmertum
 
 
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Unser Umgang mit Natur im Rahmen der Land- und Ernährungswirtschaft zeigt: Wenn heute von "Wirtschaft" die Rede ist, geht es allzu oft nur um eine effizienzgetriebene Aus- und Übernutzung. Eine derartige Wirtschaft vernichtet Vielfalt und hegt Lebendigkeit...
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Kommentar zu "Streuobstwirtschaft"
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    5 von 8 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich

    Martin B., 28.05.2019 bei Weltbild bewertet

    Rezension von Peter Lock aus Hamburg vom 26. Mai 2019
    Barde, Martin, Lars Hochmann, Streuobstwirtschaft - Aufbruch zu einem neuen sozialökologischen Unternehmertum, unter Mitarbeit von Meike Barde, München (Oekom Verlag) 2019, 190 S.
    Der Titel dieses Buches verweist schon darauf, dass ein sehr hoher Anspruch abgearbeitet werden soll: die Hypothese, dass auch im Zeitalter neoliberaler Durchdringung des Weltmarktes eine andere Gesellschaft und Wirtschaft möglich sind. An dieser Möglichkeit arbeiten die Verfasser sowohl theoretisch als auch an einer praktischen Umsetzung mit dem Projekt „Streuobstwirtschaft“, das sie seit einigen Jahren betreiben.
    Angesichts der Vernutzung von Natur durch eine betriebswirtschaftlich gebotene, industriell organisierte, subventionierte Landwirtschaft ist die Suche nach Formen des Wirtschaftens geboten, die die Lebendigkeit der Natur bewahren. Die Bewirtschaftung von Streuobstwiesen wird als Möglichkeit naturförderlichen Wirtschaftens gründlich untersucht. Sie unterscheidet sich notwendig von naturromantischen Projekten mit dem Etikett Naturschutz, die nicht selten nach wenigen Jahren faktisch wieder aufgegeben werden. Denn Ziel der Bewirtschaftung muss eine stabile Existenzsicherung der Betreiber sein, deren Anspruch es ist, „die Lebendigkeit von Natur zu achten, kultivieren, pflegen und bewahren.“(S.12) Jenseits von Naturschutz und industrieller Massenfertigung wollen die Autoren als „dritten Weg“ „sozial-ökologisches Unternehmertum“ entwickeln.
    In fünf Kapiteln, an die sich jeweils ein Gespräch über die Erfahrungen und Einschätzungen des eigenen Projektes anschließt, werden die Dimensionen und Widerständigkeit sozial-ökologischer Orientierung am Beispiel von Streuobst anschaulich berichtet. Zunächst wird erläutert, dass auch der Anbau mit einem Bio-Siegel letztlich den agrar-industriellen Zwängen unterliegt und lediglich starke Einschränkungen bei der Verwendung von agro-chemischen Mitteln hinnehmen muss, während die angestrebte Streuobstwirtschaft auf die Schaffung und Anerkennung von Werten ausgerichtet ist, die der andere Umgang mit der Natur schafft und die es zu kommunizieren gilt.
    Im 2. Kapitel verorten die Autoren ihre Suche nach einem „dritten Weg“ außerhalb der Logik der herrschenden Begrifflichkeiten von Wirtschaft, die sie grundsätzlich kritisieren. Die Überschrift des 3. Kapitels lautet „Natur gibt es nicht“. Sie kritisieren die völlig unhistorische ideologische Nutzung des Begriffes Natur, denn was immer mit dieser Vokabel bezeichnet bzw. geschützt werden soll, ist notwendig ein Kulturfolgebiotop. Auch die angestrebte Streuobstwirtschaft „greift in die Natur ein, gibt ihr selbst in aller Widersprüchlichkeit jedoch auch einen Raum.“(S.93)
    Im 4.Kapitel „Jenseits von Ökoromantik“ systematisieren die Autoren die konkreten Erfahrungen, die sie bei dem Unterfangen gemacht haben, sich als „sozial-ökologisches Unternehmen“ in der Streuobstwirtschaft zu etablieren. Es ist ein sorgfältiger „tour d’horizon“ aller Aspekte, die bei jedweder Beschäftigung mit dem Thema Streuobstwiese zu klären sind. Es beginnt bei den schwierigen Prozessen des Flächenerwerbs, auch in Konkurrenz mit potenten Naturschutzstiftungen, deren Pflegeregularien eine „sozial-ökologische Bewirtschaftung“ ausschließen. Sie betonen ausdrücklich, dass der Aufbau eines sozial-ökologischen Unternehmens im Bereich Streuobst eine „investitionsreiche Angelegenheit“ ist, die eine jahrelange Vorlaufzeit hat. Dieses Kapitel erläutert detailliert die umfangreichen Erfahrungen, einschließlich fortwährenden Versuche und Irrtümer in den ersten Jahrzehnt ihres Unternehmens mit sozial-ökologischem Anspruch. Es sprengt den Rahmen einer Besprechung, die vielen ausgeleuchteten Problemfelder hier wiederzugeben. Zu den Themen gehören u.a. die zähe Überzeugungsarbeit bei der Agrarbürokratie, Anerkennung für Streuobstwirtschaft im System der Agrarförderung (Subventionen) zu finden, Werbung für eine Ernährungswende und Anerkennung von Streuobstwirtschaft als ein Kulturgut, das zur Erhaltung Eingriffe erforderlich macht und natürlich anbautechnische Erfahrungen und schließlich auch Strategien der Inwertsetzung und des Vertriebes. Insgesamt ergibt dieses Kapitel eine Nachschlagefibel, die jeder mit Streuobst arbeitende (Hobby)Pomologe zur Hand haben sollte, um mögliche Fehler zu vermeiden und Anregungen aufzunehmen, wie die Wertigkeit von Streuobstwiesen vermittelt werden kann. Daher wäre es wünschenswert, dieses Kapitel über diese Monographie hinaus pomologisch interessiertem Publikum zugänglich zu machen.
    Im abschließenden 5.Kapitel ordnen die Autoren ihre eigene unternehmerische Praxis begrifflich in den Rahmen sozioökologischen Unternehmertums in drei Dimensionen ein: Natur als Handlungsfeld; Unternehmertum als Verantwortung; Wirtschaft als Befähigung. Aus der Perspektive der AutorInnen wird die Widerständigkeit gegen den vermeintlichen Sachzwang erwerbswirtschaftlichen Handelns durch sozialökologisch bestimmtes Handeln zur demokratischen Tat.
    Ergänzt wird der Text durch ein sehr anschauliches Glossar zur Streuobstwirtschaft.


    Mai 1919 Peter Lock

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