


Am Anfang stand der Zweifel: Lyrik beurteilen! Gedichte bewerten! Kann ich das? Wird es mir gelingen, Maßstäbe zu finden für Texte, deren Schönheit doch im höchsten Grad subjektiv ist? Eingeladen in die Jury des Jokers Lyrik-Preises stellte ich mir zuerst diese Frage. Heute, nach mehreren Wettbewerben, von denen ich zwei nicht nur als Jurorin, sondern auch als Organisatorin miterlebt habe, bin ich froh, sie mit "Ja" beantwortet zu haben. Denn über das jährliche Lyrik-Preisausschreiben des Augsburger Buchversenders Jokers habe ich unzählige wunderbare Gedichte zu Gesicht bekommen, auf die ich andernfalls nicht gestoßen wäre.
Die Jury 2008:
- Dr. Susanne Czuba-Konrad
- Arno Loeb
- Ute Nöth
- Thorsten Pannen
- Dr. Caroline Rusch
- Dr. Christiane Schlüter
- Peter E. Schumacher
- Max Sessner
- Lutz Steinbrück
- Horst Thieme
- Wolfgang Tischer
Die Jury des Jokers Lyrik-Preises wurde wegen der wachsenden Zahl von Einsendungen nahezu Jahr für Jahr verstärkt. Elf Lyrikbegeisterte haben sich 2008 die Sichtung von 7.500 Einsendungen geteilt: Literaturwissenschaftler, Dichterinnen, Verlagsleute, Buchautoren, Kritikerinnen, Aphoristiker, Leiterinnen von Schreibworkshops, Poetry-Slam-Moderatoren – oft mehreres in einer Person. Die Kontakte zu den einzelnen Mitgliedern der Jury haben sich aus anderen Projekten und Kooperationen ergeben. Übers Internet sind alle JurorInnen mit dem Jokers-Server in Augsburg verbunden, von dem aus immer zwischen 1. und 31. März die Einsendungen per Zufallsgenerator verteilt werden.
Doch zuerst müssen die Dichter und Dichterinnen draußen im Lande von dem Wettbewerb und seinen Preisen erfahren. Und eigentlich stehen sogar die Preise am Anfang.

Sponsorenpreise zu bekommen. Etwa ein halbes Jahr, bevor der Jokers Lyrik-Preis startet, geht also die Frage an die Sponsoren: Seid ihr (wieder) dabei? Erst danach entsteht einer der wichtigsten Texte des ganzen Wettbewerbes: die Pressemitteilung. Irgendwie müssen die Hobby-Dichter und -Dichterinnen, an die sich das Preisausschreiben richtet, ja informiert werden. Zeitschriften, Tageszeitungen und Online-Magazine erhalten, zeitlich gestaffelt, die Pressemitteilung. Die Staffelung ergibt sich aus den Produktionszeiten der jeweiligen Blätter: Zeitschriften haben eine wesentlich längere Vorlaufzeit als Tages- und Wochenzeitungen. Sie müssen also sehr früh benachrichtigt werden, während bei den Tageszeitungen eine Pressemitteilung in der Lawine der aktuellen Post unterzugehen drohte, wenn sie Monate vorher ankäme.
Die ersten drei Preise sind mit 2.000, 1.500 und 1.000 Euro dotiert. Seit jeher wird der Jokers Lyrik-Preis außerdem von Sponsoren unterstützt, denen das Gedicht ebenfalls am Herzen liegt. Ihre Zahl ist mittlerweile auf sechs gewachsen, und zwar nach der einfachen Methode: Fragen kostet nichts! Der Uschtrin Verlag, die Literaturmagazine "berlinerliteraturkritik.de" und "literaturcafe.de", das Hörbuch-Magazin "hoerothek.de", "Books on Demand" und der Autorenhaus Verlag sorgen dafür, dass statt 14 knapp 50 eingesandte Gedichte prämiiert werden können. Das ist eine sehr gute Sache, nicht zuletzt für die Jury, die so bei ihrer schwierigen Auswahl etwas entlastet wird: Wer es nicht unter die ersten drei oder unter die insgesamt 14 Jokers-Preisträger schafft, hat immerhin noch die Chance, einen der

Gleiches Recht für alle, das betrifft auch den Starttermin. Wenn der Wettbewerb erst einmal läuft, sind allerdings auch Posteinsendungen willkommen. Wobei möglichst die Einreichung über die Webseite bevorzugt werden sollte.Zeitgleich mit der Presseinformation wird die Webseite des Jokers Lyrik-Preises (www.jokers.de/lyrikpreis) aktualisiert: Die SponsorInnen mit ihren Preisen und die Jury-Mitglieder werden vorgestellt. Doch noch liegt das rote Banner quer über dem Gedicht-Eingabefeld, das verkündet: Der Wettbewerb beginnt am 1. März. Zwar trudeln jetzt schon die ersten Anfragen von Autoren ein, manche Dichter senden sogar bereits ihre Texte als Mailanhang – und müssen trotzdem auf den ersten März vertröstet werden.
Die Zahl wird sich in den kommenden vier Wochen noch erheblich steigern, wobei Wellen zu verzeichnen sind. Die ersten Tage bringen besonders viele Gedichte, zur Monatsmitte pendelt es sich ein und kurz vor Schluss am 31. März kommt noch mal eine regelrechte Lawine herein. An den Wochenenden ist die Zahl der Einsendungen logischerweise höher als unter der Woche.
Am Morgen des 1. März steht dann die Jurorin auf, reibt sich die Augen, schaltet den PC ein – und reibt sich gleich noch einmal die Augen. Denn in ihrem Maileingang warten bereits um die 20 Texte auf Beurteilung. Und da alle Jurymitglieder vom Jokers-Server gleichmäßig bedacht werden, heißt das: Bereits in der Nacht auf den 1. März haben über 200 Dichterinnen und Dichter ihren Text eingesandt.

zu lassen, also gibt es auch kein "Thema verfehlt". Im Ergebnis bedeutet das freilich: Rund die Hälfte der Texte handelt von der Liebe, und je jünger die Einsender sind (die Angabe des Alters ist freiwillig), desto häufiger von der unglücklichen Liebe. Und da spielt die Themenwahl dann letztlich doch eine Rolle. Denn ein Gedicht muss schon sehr gelungen sein, um der Liebe, zumal der unglücklichen, noch einen lyrischen Effekt abzuringen. Das bedeutet nicht, dass Gedichte zu diesem Thema es bei der Jury von vornherein schwerer hätten. Aber allzu oft hat doch die eigene Betroffenheit den Autoren die Feder geführt und dabei die Herrschaft über den Text an sich gerissen – zu dessen Nachteil. Dann fühlt der Juror zwar mit dem Autor, kann das Gedicht aber beim besten Willen nicht mehr als gut bewerten.
Die Jurorin tut nun gut daran, die Menge der Gedicht-Einsendungen in ihrem Maileingang nicht ins Unendliche wachsen zu lassen. Denn sonst baut sich ein lyrischer Tsunami auf, in dessen Fluten Qualitätsbewusstsein und Urteilsvermögen jämmerlich ertrinken würden. Am Abend eines jeden Tages, spätestens aber alle zwei Tage müssen sämtliche neuen Texte gesichtet sein. Nur so bleibt das jeweilige Pensum bearbeitbar – und das bedeutet: Der Geist bleibt frisch genug, um auch noch das zuletzt eingetroffene Gedicht ebenso akribisch zu lesen und zu würdigen wie das allererste. Trotz der hohen Zahl an Einsendungen soll ja jedes Gedicht dieselbe Chance haben.
Nach welchen Kriterien geht nun aber die Jury vor? Bewusst wird ja der Jokers Lyrik-Preis unter kein thematisches Motto gestellt, um allen, die teilnehmen, möglichst freie Hand

Die lyrische Sprache sollte konkret sein: Wie fühlt sich gerade diese Liebe an, wo sitzt das Glück, an welchem kleinen Detail des geliebten Menschen macht es sich gerade heute fest (und morgen vielleicht schon wieder woanders)? Die zweite Preisträgerin 2008 hat in ihrem Text solch eine Konkretisierung erreicht, ebenso viele andere Einsender und Einsenderinnen.
Womit schon ein erstes Kriterium genannt ist: Wie jede gelungene Literatur muss ein Gedicht das Individuelle mit dem Allgemeingültigen verbinden. Die subjektive Erfahrung muss so in Sprache gefasst und interpretiert sein, dass sie eine überindividuelle Geltung bekommt. Wie das geschieht, das ist das Geheimnis des Dichters, seiner Sprache und der Bilder, die er wählt. Allgemeingültigkeit bedeutet aber nicht Verallgemeinerung oder gar Abstraktion.
Aber auch Naturgedichte müssen sich alljährlich gegen viel Konkurrenz durchsetzen. Als Jurorin freue ich mich da über jedes Gedicht, das ohne Klischees auskommt, das ein Naturerleben in ureigene Worte fasst und das bei der Übertragung von der realen auf die Seelenlandschaft die Bilder stimmig verwendet und durchhält. Der erste und zweite Siegertext von 2007 sind wunderbare Beispiele dafür.
Ein ähnlich beliebtes Thema wie die Liebe ist die Natur. Der Jokers Lyrik-Preis findet im März statt, und die Sehnsucht nach Sonne, die Freude über die erwachende Natur spricht aus vielen Texten. Das ist schön und macht Spaß zu lesen. 
Der Jokers Lyrik-Preis ist ein Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche. Der Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod, mit dem sozialen An-den-Rand-Gedrängtwerden nimmt zusehends Raum ein bei der Themenwahl. Hier hat die diesjährige dritte Preisträgerin für die Gefühle Arbeitsloser Worte gefunden, hat Scham und Hilflosigkeit auf den Punkt gebracht, gerade in der letzten Zeile. Oft entscheidet ja die letzte Zeile über ein ganzes Gedicht – durch eine Pointe, eine unerwartete Wendung, eine besonders treffende Formulierung.
Überhaupt, die Bilder! Hier liegt oft die Stärke eines Autors, die Jurorin liest und freut sich von Zeile zu Zeile mehr, doch dann haut zuletzt ein schiefes Bild das Ganze um. Dann würde die Jurorin den Autor am liebsten packen und sagen: Lies es noch mal durch, fällt dir nichts auf, lass diesen tollen Text nicht noch kurz vor Ende abstürzen! Wobei "Schiefes" durchaus auch willkommen ist, aber dann eben als gewolltes und gut beherrschtes Stilprinzip.

Raum für die kleinen, unbeachteten Dinge schafft, an denen wir so oft vorbeisehen. Wenn der Dichter und die Dichterin den Leser an ihrer eigenen Wahrnehmung teilhaben lassen, ist das ein Geschenk für den Juror.
Nicht wenige Gedichte gibt es, die handeln vom Geschäft des Schreibens selbst. Oft sind gerade sie hochkomisch, parodieren klassische Vorbilder wie der diesjährige Siegertext beim Sonderpreis Humor. Und manchmal ist der Bezug auf berühmte Dichter ganz ernst gemeint. Auch das darf sein. Den "Rilke-Sound" zu beherrschen, schadet nicht, wenn man dabei Eigenes ausdrückt.
Nicht wenige Gedichte gibt es, die handeln vom Geschäft des Schreibens selbst. Oft sind gerade sie hochkomisch, parodieren klassische Vorbilder wie der diesjährige Siegertext beim Sonderpreis Humor. Und manchmal ist der Bezug auf berühmte Dichter ganz ernst gemeint. Auch das darf sein. Den "Rilke-Sound" zu beherrschen, schadet nicht, wenn man dabei Eigenes ausdrückt.
Dann wieder gibt es Gedichte, die beeindrucken vor allem durch ihren Rhythmus. Klar, er sollte durchgehalten werden: Verstöße gegen die einmal gewählte Form sind meistens ungünstig. Wenn es holpert oder die Grammatik vergewaltigt wird, dann braucht ein Text eben noch weitere Bearbeitungsdurchgänge. Und wie schön, wenn als Folge dieser Sorgfalt ein Gedicht als akustisches Erlebnis über die Jury kommt (ohnehin liest man sich am besten alle Texte laut vor)! Wenn ein Text seinen Gegenstand auch lautmalerisch erlebbar macht wie das Berlin-Gedicht der diesjährigen Siegerin – oder wenn er im Gegenteil durch seine Ruhe

kontroverser Diskussion und immer mit Blick darauf, alle Stilrichtungen zu beteiligen: von den durch Metrum und Reim gebundenen Texten bis hin zu den freieen Rhythmen.
Aus dem Repertoire der Anthologie-Beiträge wählen dann die Sponsoren ihre jeweiligen Gewinnertexte aus. Und dann folgt viel Organisationsarbeit: Die Gewinner und die Presse werden benachrichtigt, auf der Webseite des Jokers Lyrik-Preises werden die besten Texte und ihre Verfasser sowie die übrigen Preisträger präsentiert. Auch die Anthologie wird nun fertiggestellt und auf der Jokers-Webseite bekannt gemacht. Bis wirklich alles fertig ist, haben wir fast Sommer. Und dann trennen uns nur noch wenige Monate von dem Tag, an dem es heißt: Der neuen Jokers Lyrik-Preis rückt näher, lasst uns die Sponsoren ansprechen und die Pressemitteilungen rausschicken...
Aus dem Repertoire der Anthologie-Beiträge wählen dann die Sponsoren ihre jeweiligen Gewinnertexte aus. Und dann folgt viel Organisationsarbeit: Die Gewinner und die Presse werden benachrichtigt, auf der Webseite des Jokers Lyrik-Preises werden die besten Texte und ihre Verfasser sowie die übrigen Preisträger präsentiert. Auch die Anthologie wird nun fertiggestellt und auf der Jokers-Webseite bekannt gemacht. Bis wirklich alles fertig ist, haben wir fast Sommer. Und dann trennen uns nur noch wenige Monate von dem Tag, an dem es heißt: Der neuen Jokers Lyrik-Preis rückt näher, lasst uns die Sponsoren ansprechen und die Pressemitteilungen rausschicken...
Christiane Schlüter
Aus: Federwelt - Zeitschrift für Autorinnen und Autoren - Nr. 71, August/September 2008Viele Wege führen also zu einem der Preise. Um nun den unterschiedlichen Macharten der Texte gerecht zu werden und zu jedem Zeitpunkt gleiche Maßstäbe anzulegen, lege ich mir im Verlauf der Sichtung verschiedene Ordner an. In ihnen sammele ich, was ich für die Jokers Gedichte-Datenbank empfohlen habe, was ich darüber hinaus für die diesjährige Anthologie der hundert besten Einsendungen vorschlage und meine Top-Favoriten. Die Ordner gleiche ich immer wieder miteinander ab. Nach einem ähnlichen Muster verfahren alle Jurymitglieder. So liegen Anfang April verschiedene Textgruppen vor: Die Datenbank ist um einen großen Schatz guter Gedichte reicher geworden.
Elf Stapel mit Anthologie-Vorschlägen und elf kleinere Stapel mit Favoriten türmen sich in der Jokers-Zentrale. Dort werden dann in kleinem Kreis die Siegertexte und die hundert Anthologie-Beiträge ausgewählt, in oft
Elf Stapel mit Anthologie-Vorschlägen und elf kleinere Stapel mit Favoriten türmen sich in der Jokers-Zentrale. Dort werden dann in kleinem Kreis die Siegertexte und die hundert Anthologie-Beiträge ausgewählt, in oft 

